„Barnga“ – eine vielseitige Methode

Kartenstapel_kleinSeminare und Trainings mit interkulturellen Inhalten sind anspruchsvoll. Die besonderen Kulturmerkmale eines anderen Landes im deutschen Seminarraum nachzubilden, erfordert spezielle Verfahren. Eine Methode, die ich für meine interkulturellen Trainings entdeckt habe, heißt „Barnga“. Die Aktionsform wurde von Sivasailam Thiagi Thiagarajan als Möglichkeit einer interkulturellen Erfahrung in Seminaren entwickelt und bietet Einsatzmöglichkeiten auch bei anderen Inhalten.

Ziel der Methode ist es, die kulturellen Unterschiede im Handeln von Menschen und deren unterschiedlichen Reaktionen darauf erfahrbar zu machen und den Teilnehmenden das Erlebnis eines kleinen Kulturschocks zu ermöglichen. „Barnga“ eignet sich für kleine und große Seminargruppen. So habe ich die Methode bereits mit mindestens 9 und maximal 56 Personen durchgeführt. Bei größeren Teilnehmerzahlen sollte besser noch ein weiteren Trainer mit dabei sein, um alle aufkommende Gespräche zu verhindern.

„Barnga“ wird mit beliebigen Spielkarten umgesetzt (Skat, Tarot, Schafkopf, ggf. auch Quartette). Die Teilnehmer werden in mindestens drei Gruppen á 3 Personen aufgeteilt (bei großen Seminargruppen ggf. auch 4 Personen). Jede Gruppe erhält anschließend ein Kartenspiel-Set sowie die Spielregeln (als Schriftstück) ausgehändigt, und beginnt sogleich damit sich mit den Spielregeln vertraut zu machen und sich einzuspielen.

Wenn die Teilnehmenden die Regeln des Spiels verinnerlicht haben, werden ihnen die Spielregeln wieder abgenommen und das Turnier kann beginnen. Was die Spieler hier noch nicht wissen: Die Spielregeln der einzelnen Gruppen unterscheiden sich in Kleinigkeiten (z.B. darin, ob das Ass die höchste oder niedrigste Karte oder welche Farbe Trumpf ist, usw.). Ab dem Aushändigen der Spielregeln und während der gesamten Spieldauer dürfen die Teilnehmenden nicht sprechen. Die Kommunikation ist nur durch Gesten und Mimik möglich und erlaubt. Es wird eine Spielzeit vorgegeben (z.B. 4 Minuten) und der Spieler (die Spielerin) mit den meisten Stichen wechselt nach dieser Zeit die Gruppe. Dann beginnt die Spielzeit von neuem und die neuen Spielgruppen beginnen erneut mit dem Kartenspiel. Ich spiele meist drei oder vier Runden. Während des Spiels kommt häufig Unruhe auf; hier ist es wichtig die Teilnehmenden an das Redeverbot zu erinnern.

An dieser Stelle setzt der besondere „Kick“ der Methode ein: Die kleinen, versteckten Andersartigkeiten in den Regeln am neuen Tisch führen unweigerlich zu Irritationen und alle Spieler sind gezwungen, diese aufzulösen, um das Spiel fortsetzen zu können. Dort, wo die Gewinner der ersten Runde noch ganz lässig die Aufgabe gemeistert haben, werden sie in der neuen Konstellation aller Routinen beraubt und sie sehen sich plötzlich ganz unlogischen, informellen Regeln konfrontiert – der klassische „Kulturschock“.

Zur Auswertung der Methode wird aufbauend auf dieser Erfahrung, die Bedeutung von Kultur als Orientierungsmuster für die eigenen Handlungen, die eigene Reaktion auf diese unterschiedlichen Verhaltensstrategien sowie deren Bedeutung für interkulturelle Begegnungen mit den Teilnehmenden aufgearbeitet.

Die genauen Spieleregeln sind in dem Buch „Barnga“ in 4 Sprachen enthalten: Thiagarajan, Sivasailam; Thiagarajan, Raja: Barnga (2006): A Simulation Game on Cultural Clashes; Nicholas Brealey Pub; ISBN-13: 978-1931930307.

Neben den interkulturellen Trainings eignet sich die Methode für alle Inhalte, die mit dem Thema „Kultur“ bzw. mit der Reflexion der eigenen Reaktionen auf Veränderungen zu tun haben. So setze ich die Methode beispielsweise beim Thema „Change Management“ ein, um für den einzelnen Seminarteilnehmer zu veranschaulichen, welche Konsequenzen Regel- und Prozessänderungen mit sich bringen und wie wichtig hier die richtige Kommunikation ist. Auch bei Zusammenschlüssen von vormals getrennten Abteilungen oder ganzen Organisationen eignet sich die Methode sehr gut zum Einstieg. Gerade solche Fusionen bergen umfangreiche Momente von interkulturellen Schockerlebnissen und die künftige Zusammenarbeit im neuen Team bzw. der neuen Organisation gestaltet sich nicht einfach.

Auch im Hinblick auf das Thema „Lernen“, besonders wenn es sich um Fertigkeiten bzw. Verhalten handelt, nutze ich die Methode. Behalten die Teilnehmenden die eigenen Regeln bei oder passen sie sich den neuen Regeln an? Zweifeln sie an sich selbst, ob sie die gelernten Regeln wirklich verstanden haben? Sind sie sich sicher, dass sie richtig spielen? Hier vermag die Methode es sehr geschickt, individuell ganz unterschiedliche Phänomen menschlichen Lernens sichtbar zu machen.

Weitere Methoden von Thiagi (auf Englisch) finden sich auf seiner Webseite: http://www.thiagi.com/games.html.

Mirjam Soland

Mirjam Soland

Mirjam Soland ist Diplom-Pädagogin mit Fachrichtung Erwachsenenbildung und arbeitet hauptberuflich am Institut für Bildungsmanagement der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg. Hier forscht und lehrt sie im Bereich Bildungsmanagement und Erwachsenenbildung. Nebenberuflich geht sie als Beraterin und Gesellschafterin von methodium und als Autorin von methoden-kartothek.de ihrem besondern Interesse an der didaktisch und methodischen Gestaltung von Lehr-/Lernveranstaltung nach. Schwerpunkte ihrer Berater- und Trainertätigkeit liegen insbesondere auf dem Gebiet Bildungsprozessmanagement, Didaktik und Methodik, Führungskräfteentwicklung und Lerntransfer.

2 Comments

  1. Vielen Dank für die Anregungen, wie man Barnga noch nutzen kann!

    Bei dem klassischen Barnga habe ich immer etwas Bauschmerzen, da es suggeriert, dass es ein Satz an kulturellen Regeln gäbe, den man nur wissen müsse – und schon habe man Missverständnisse vermieden. Auch wenn man genau das in der anschließenden Bearbeitung thematisieren kann, so arbeitet die Methode mit einem geschlossen Kulturbegriff.

    1. Vielen Dank für den Kommentar!
      Ich nutze Barnga vor allem als Auftaktmethode um zu verdeutlichen, wie wir uns in interkulturellen Begegnungen fühlen können und warum es dazu kommt. Auch zeigt diese Methode für mich sehr schön, wie wichtig es ist über diese verschiedenen Verhaltensweisen (hier Regeln) zu sprechen. Aber Sie haben Recht, es muss immer betont werden, dass es generelle Verhaltensregeln nicht gibt. Dies gelingt, finde ich, wenn über Kulturstandards gesprochen wird und sich die Teilnehmenden selbst einschätzen, wie sie diesen entsprechen. Das zeigt häufig, dass es den typischen Vertreter einer Kultur nicht gibt und somit auch keine generellen Regeln.
      Herzliche Grüße Mirjam Soland

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