ZEN oder die Kunst, eine Pause zu machen

WandelhalleVor kurzem war ich für eine Woche im Meditations-Haus St. Franziskus, in Dietfurt im Altmühltal. Qi Gong, Zen Meditation, Schweigen stand auf dem Programm. Nach einer sehr dichten und fordernden Arbeitsphase in den letzten Wochen und Monaten bedeutete das für mich: eine Woche absolutes Kontrastprogramm.

Schon beim ersten Betreten des Klosters, beim Laufen durch die Gänge des alten Gemäuers,  beim Betreten meines Zimmers, das früher einmal die Zelle eines Novizen war, merke ich, wie ich zur Ruhe komme. Aber das ist erst der Anfang, nur der erste von mehreren „Schüben“, in denen in den nächsten Tagen mein Geist, meine Seele, mein Körper „herunterfahren“ werden.
Nachdem ich meinen Koffer ausgepackt habe, geht es zum Abendessen; dann eine kurze Einführung in Zen, eine erste Qi Gong-Übung und ein erstes „Probesitzen“ in der Meditations-Halle.

Am anderen Morgen beginnt der erste von fünf Meditations- und Übungs-Tagen, die alle nach dem gleichen Schema aufgebaut sind: Es geht los um 6:30 Uhr mit dem Wecken, dann folgen die ersten beiden Meditations-Einheiten, Frühstück, Qi Gong, ein Vortrag, noch einmal Meditation und sofort…. Ich habe den gleichen Kuss vor ein paar Jahren schon einmal gemacht. So finde ich schnell wieder in den Rhythmus ein, in dem ich in den nächsten Tagen schwingen werde.
Zwischen den einzelnen Programmpunkten gibt es immer „programmfreie“ Zeiten: hier 20 Minuten, dort eine Viertelstunde. Und das ist gut so! Zeit, um den Wirkungen der Übung nachzuspüren, in einem der ausgelegten Bücher zu stöbern – oder einfach nur durch den Garten zu gehen und die erwachende Natur zu bewundern.
Bei den Mahlzeiten wird geschwiegen. Ich empfinde das als sehr angenehm. Nachdem ich beruflich so viel kommuniziere, so viel mit Menschen in Kontakt bin, bin ich froh, mir keine Geschichten anhören, nichts über mich erzählen zu müssen, einfach in Ruhe sein zu dürfen. Das, was bei Tisch kommuniziert werden muss: „Reich mir mal das Brot, bitte“ usw., das wird ohne zu sprechen geregelt: man verneigt sich vor dem Nachbarn mit einer Geste und deutet auf das, was man benötigt. Es funktioniert.

Auch zu Hause und wenn ich auf Reisen bin praktiziere ich regelmäßig Qi Gong und meditiere gelegentlich. Die Herausforderung für mich bei diesem Kurs ist die lange Dauer des Übens. Gerade beim Sitzen, in der Meditation, bekomme ich schnell Schmerzen: im Rücken, in den Beinen. Damit gilt es, sich auseinander zusetzen. Das ist Teil der Übung.

Am nächsten Tag ist bestes Frühlingswetter. Bei Sonnenschein üben wir Qi Gong im wunderschönen Klostergarten. Neben alten Obstbäumen, neben Gemüsebeeten, Blumenrabatten und einem Fischteich, stehen wir und machen unsere Übung. Aufmerksam folgen wir den langsamen, fließenden, konzentrierten Bewegungen, die unser Lehrer uns vormacht. Ich kenne das Übungsprogramm schon, die Bewegungen sind für mich daher nicht „schwer“ im Sinne von „kompliziert“, die Herausforderung liegt in der Qualität, mit der sie auszuführen sind: volle Aufmerksamkeit bis zum Ende der Bewegung, Koordination mit dem Atem, die Gelenke ganz ausdrehen, die Bewegung aus dem Zentrum heraus machen, immer einen sicheren und geerdeten Stand bewahren… Und vor allem: dem Energiefluss nachzuspüren, dem Qi, dieser so schwer zu fassende Lebenskraft, um die es beim Qi Gong eigentlich geht. Hier fühle ich mich auch nach vielen Jahren des Übens noch als blutiger Anfänger.

Von Tag zu Tag finde ich mich besser ein. Die Umgebung, welche die Konzentration und das Zur-Ruhe-Kommen so wunderbar unterstützt, die regelmäßige Übung, die sichere Anleitung durch unsere Kursleiter – all das hilft mir, zurück zu mir zu finden.

Das Franziskaner-Kloster besteht aus einem alten Teil und einigen neueren Anbauten. Es wurde 1660 gegründet, 1977 wurde das Meditationshaus vom Pionier des Zen, P. Hugo Enomiya Lassalle, zusammen mit dem Ortsbischof eingeweiht. Somit kann das Haus als das älteste „christliche Zen-Kloster” im deutschsprachigen Raum angesehen werden.
Das Meditationsbereich ist im japanischen Stil erbaut und eingerichtet. Es besteht aus der Meditationshalle und einem sie umgebenden Wandelgang, wo die Gehmeditation erfolgt. Außerdem gibt es eine kleine Kapelle, in der japanische Architektur und Inneneinrichtung sowie die Ausstattung eines katholischen Sakralraums eine gelungene Symbiose eingehen. Ein kleiner Zen-Garten mit einer alten Bonsai-Kiefer, die perfekt geformt ist, rundet die architektonische Gestaltung ab. Von der Wandelhalle aus hat man einen herrlichen Blick in den Obstgarten.
So ist das hier eine wirklich interessante Mischung: ein chinesischer Qi Gong-Lehrer, der in der Traditionellen Chinesischen Medizin verwurzelt ist, ein bayerischer Franziskaner-Mönch, der ZEN lehrt, eine japanische Meditationshalle und eine Teilnehmergruppe, die aus allen Teilen Deutschlands kommt. (Das weiß ich nicht aus Unterhaltungen, sondern erschließe ich aus den Kennzeichen der im Hof geparkten Autos).

Ich genieße besonders meine Runden der Gehmeditation. In etwa 10 Minuten lege ich eine Runde zurück, das sind vielleicht 120 Meter. Ein Schritt nach dem anderen, sehr, sehr langsam, mit voller Aufmerksamkeit. Am Anfang sind meine Schritte noch etwas wackelig. Doch nach und nach werde ich immer sicherer, und ich meistere auch die bei jedem Schritt nötige Gewichtsverlagerung immer besser. Ich bekomme ein immer bewussteres Gefühl für mein Zentrum, mein Hara. Geerdet, zentriert und aufgerichtet schreite ich durch den Gang.

Jeden Tag gibt es auch eine Eucharistie-Feier in der Kapelle. Ich bin nicht täglich dabei; man sitzt hier auf dem Boden oder auch auf Meditationshockern – und es ist mir einfach zu viel Sitzen. Aber wenn ich dabei bin, genieße ich die ruhige und einfache Art, mit der Pater Samuel den Gottesdienst feiert; die guten Gedanken, die er  uns in seinen kurzen Ansprachen mitgibt; die sympathische Art, mit der er ein Ritual zelebriert, das mir seit Kindheitstagen vertraut ist, von dem ich mich aber mehr und mehr entfremdet habe. In diesem Kontext, auf diese Art gelebt, finde ich leichter zurück zur christlichen Spiritualität als anderswo.

Schneller als gedacht ist die Woche vorbei. Es hat richtig gut getan; ich habe schnell Abstand gefunden zu meiner Arbeit und gehe mit vielen guten Gedanken von hier fort.

ZEN und Qi Gong: zur Ruhe kommen; in meinen Körper finden und mich als „ganzen Menschen“ erleben, mit „Kopf, Herz und Hand“ – was ich so oft selbst lehre, und doch immer wieder Gefahr laufe, zu verlieren; mich auf das wirklich Wichtige konzentrieren; wieder ein Gespür dafür bekommen, was Konzentration tatsächlich bedeutet; eine Pause machen und zu neuen Kräften finden – es hat richtig gut getan!

Mir wurde – wieder einmal – bewusst, wie sehr wir in unserer lauten und schnellen Welt, voller Ablenkung und Reizüberflutung, die Voraussetzungen für geistige Konzentration, für körperliche Integrität, förmlich zerstören. Auch im Seminar- und Trainingsalltag laufen wir ständig Gefahr, zu sehr auf Abwechslung, Reizdarbietung, Buntheit, Unterhaltung zu setzen, statt auf Ruhe, bewusste Aufmerksamkeit und Konzentration. Ich will jetzt nicht all dem „abschwören“, was ich unter „aktivem Lernen und Methodenvielfalt“ seit 30 Jahren lehre und schreibe. Nein, das hat alles seine Berechtigung: Seminare und Unterricht sollen lebendig, interessant und abwechslungsreich sein. Aber es braucht eben auch Ruhe, bewusste Aufmerksamkeit und Konzentration. Und: Entschleunigung und Pausen. Bildung braucht Muße – und wenn wir sie der allgemeinen Hektik und dem Beschleunigungswahn unterwerfen, verfehlen wir das Wichtigste: Zur Be-Sinn-ung kommen.

Einen herzlichen Dank an Sui Qingbo und Pater Samuel!

Mehr über ZEN in diesem Blog: hier.

 

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