Learning by Walking

Learning by WalkingJetzt in den Sommerwochen und Urlaubszeiten hat das Zu-Fuß-Gehen wieder Hochkonjunktur: Ob beim Wandern durchs Watt, beim Erklimmen von Berggipfeln oder im Flanieren durch Innenstädte besinnen sich Menschen auf die ursprünglichste aller Fortbewegungsarten. Schritt für Schritt, mit selbst gewählter Geschwindigkeit, den Blick frei für’s Details in der unmittelbaren Nähe oder die Ausschau auf schier endlose Weiten.

Tatsächlich liegt in dieser basalen, natürlichen Bewegungsform ein Potenzial, um daraus interessante Lehr- bzw. Lernmethoden zu formen. Bereits in der Antike waren Spaziergänge beliebte Lern- und Dialogmethoden bei Philosophen und Politikern. Von Aristoteles wird berichtet, dass er seine Vorlesungen im Spaziergehen mit seinen Studenten hielt. In der Schule der Peripathetiker (Umherschlenderer) wurde grundsätzlich im Gehen nachgedacht. Friedrich Nietzsche vertrat die Ansicht, das menschliche Denken könne den Rhythmus des Gehens annehmen. Beim Spaziergehen leitet die Körperbewegung die Geistesbewegung an, schreibt Thomas Bernhard.

Aus dem Italienischen „spaziare“ (sich räumlich ausbreiten, sich ergehen) kommend wird Spaziergehen heute im Alltag mit Entspannung, Erholung oder gedankenvoller Muße verbunden. Dort, wo größere Mengen an Begriffen, Fachwissen, Texten internalisiert werden sollen, erlernen z.B. Schauspieler oder Sprachenlerner diesen Stoff am besten im Gehen. Wenn Menschen über etwas bestimmtes sehr konzentriert nachdenken, bewegen Sie sich automatisch und ganz unbewusst im Raum auf und ab.

Beim Gehen im Freien werden oftmals bessere und nachhaltigere Lernergebnisse erzielt als beim Sitzen im Seminarraum. Durch die körperliche Bewegung wird intensiver geatmet, der Körper und damit auch das Gehirn erhalten mehr Sauerstoff. Neurologen haben nachgewiesen, dass das Gehen die Neubildung von Gehirnzellen im Hippocampus stimuliert. Es werden nicht nur die neuen Informationen abgespeichert, sondern auch die Strukturen und Verbindungen zwischen alten und neuen Inhalten gefestigt. Die regelmäßigen Schritte stabilisieren den psychischen Lernprozess und lassen die Inhalte leichter ins Langzeitgedächtnis gelangen (vgl. hierzu auch der Blog-Beitrag von Ulrich Müller „Bewegung im Seminar“).

„Learning by Walking“ als didaktische Innovation für das Unterrichten? Gewiss erfordert eine Methode „Spaziergehen“ Zeitressourcen, die in der heutigen Seminar- und Trainingswelt immer weniger bereitgestellt werden. Die Minuten, die hier investiert werden, fließen jedoch mittelfristig wieder zurück, wenn mit dem internalisierten Wissen an anderen Stellen dann zügiger im Lernstoff fortgesetzt werden kann.

Möglicherweise haben Sie zuletzt beim Bergwandern, Strandlauf oder Stadtbummel Ideen und Anregungen für neue Seminarkonzepte gefunden. Ich konnte meine Gedanken für verschiedene Publikationen sortieren, unter anderem für eine Beschreibung einer innovativen Lehrmethode: „Der Lern-Spaziergang“.

(erscheint in der 3. Ergänzungslieferung von methoden-kartothek.de im Januar 2015).

Ulrich Iberer

Ulrich Iberer

Der Medienexperte studierte Erziehungswissenschaft mit Schwerpunkt Betriebliche Bildung an der Universität Eichstätt-Ingolstadt und promovierte zum Thema “Bildungsmanagement von Blended Learning”. Aktuell forscht und lehrt Ulrich Iberer an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg in den Fächern Bildungsmanagement und Erwachsenenbildung. Er hat ein besonderes Faible für das Re-Design “klassischer” Seminarmethoden und setzt beim Blended Learning auf “einfache Mittel”. Bei methodium wirkt Ulrich Iberer bei der Weiterentwicklung von methoden-kartothek.de und E-Learning-Projekten mit.

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