im Arbeitsladen

Kürzlich hatte mich mein Nachbar am Gartenzaun angesprochen, langjährig aktiver Polizist im Außendienst. Er sei zu einem Weiterbildungs-Workshop eingeladen worden. Durchaus mit gewissem Stolz etwas zu lernen, konnte er sich mir gegenüber den ironischen Kommentar nicht verkneifen, dass er sich schon frage, was wohl – sehr wörtlich genommen – in diesem „Arbeitsladen“ passieren würde. So richtige „Arbeit“ außerhalb der Streife wäre es ja nicht. Des Nachbars flapsige Worte haben mich nichtsdestotrotz zum Weiterdenken angeregt: In der Tat ist der „Workshop“ eines der etabliertesten und gleichzeitig uneindeutigsten Begriffe bzw. Formate der Aus- und Weiterbildung.

Quelle: Stephan Röll / flickr.com / Common Creatives
Quelle: Stephan Röll / flickr.com / Common Creatives

Der Organisationssoziologe Stefan Kühl zeichnet in seinem Hauptwerk „Sisyphos im Management“ ein kritisches Bild von der Trainings- und Beraterbranche. Projekte zur Qualitäts- und Organisationentwicklung werden nahezu ausschließlich in Form von „einstündigen Sitzungen oder mehrtägigen Workshops“ durchgeführt. Die Gründe hierfür vermutet er weniger in methodischen Expertisen oder fachlichen Anforderungen, sondern in den „internen Bedürfnissen von Beratungsfirmen und Qualitätsabteilungen“. Der „standardisierte Workshop“ biete dem Kunden einerseits ein erprobtes und zielführendes Verfahren, und gleichzeitig für den Berater bzw. Trainer ein Dienstleistungsangebot mit geringem Aufwand. Solche Workshops ließen sich überaus effizient mit „Werkzeugkästen“ aus „universal zu benutzenden Foliensätzen, einfach anzuwendenden Analyseinstrumenten, simplen Fragetechniken, standardisierten Workshop-Konzepten und auf die Minute getimten Standards für die Durchführung“ umsetzen.

Dem Kunden, d.h. den Führungskräften und Personalverantwortlichen in Unternehmen, Verwaltungen, Bildungsorganisationen, werde damit ein scheinbar optimales Format angeboten, so Stefan Kühl weiter: Im Unterschied zu Großveranstaltungen, Info-Kampagnen oder individualisierten E-Learning-Programmen können im Workshop die Mitarbeiter direkt angesprochen werden. Trotz der kompakten, begrenzten Zeit werden von den Teilnehmenden passgenaue Lösungen entwickelt und erste sichtbare Veränderungen angestoßen. Der eigentliche Nutzen läge aber eher beim Anbieter (Berater, Trainer). Während dem Kunden gegenüber eine individuelle Exklusivität suggeriert wird, haben nicht wenige Berater ihre Workshops hochgradig standardisiert, z.B. durch feste Foliensätze, Poster, Unterlagen. Mitunter könne man sogar ein raffiniertes Geschäftsmodell erahnen, wenn überwiegend junge, unerfahrene Beraterinnen und Berater mit solchen Standard-Workshops zum Kunden geschickt werden. Die Kritik dürfe sich aber nicht einseitig auf die Anbieterschaft richten. Die Abnehmerseite fordert im Vorfeld einer Weiterbildungsmaßnahme weitgehende Transparenz zu Konzepten und Methoden. Erfolgreich erprobte und bewährte Workshop-Konzepte verschaffen Sicherheit bzw. geben zumindest eine gewisse Vorahnung, was im Qualifizierungs- und Bildungsprozess im Einzelnen passieren würde.

Letztlich können Workshops von der Stange die eigentlichen Bedürfnisse von Lernenden und Organisationen nur bedingt erfüllen. Wenn Trainer von außen „einschweben“ und die Experten vor Ort belehren, wie sie ihre Arbeit zu organisieren hätten, führt dies eher zu Widerständen und Ablehnung. Selbst in gut angenommenen Workshops verhindert das zeitlich eng bemessene Format eine tatsächlich nachhaltig Verankerung von Veränderungen, sowohl bezogen auf persönliche Veränderungen (Haltung, Aufbau von Kompetenzen) als auch organisationale Veränderungen (Change Management). In aller Regel werden bestenfalls kleinere, kurzfristig umsetzbare Verbesserungen wirksam, langfristige Pläne versanden in aller Regel in den Mühlen des Alltagsgeschäftes.

Quelle: Stephan Röll / flickr.com / Common Creatives
Quelle: Stephan Röll / flickr.com / Common Creatives

Was bleibt vom „Workshop“? Der Begriff bzw. das Format sind faktisch inzwischen weit über die Weiterbildungs- und Beratungspraxis hinaus etabliert. Eine nach wie vor lohnenswerte Quelle gibt „Das große Workshop-Buch“ (zuletzt in der 8. Auflage erschienen 2008). Die Autoren Ulrich Lipp und Hermann Will grenzen die Veranstaltungsform „Workshop“ von anderen Formaten ab (v.a. Lehrgang/Seminar, Training, Präsentation, Besprechung) und betonen stattdessen die Grundelemente „Arbeit“, „in einer Gruppe“, „an einer Aufgabe“, „außerhalb der Routinearbeit“. Sie plädieren außerdem dafür, sich in Workshops auf eine Thematik zu konzentrieren und das Zusammenwirken der Teilnehmenden mit ihren individuellen Kompetenzen auf ein Gruppenergebnis hin forcieren.

„Workshop“ können daher durchaus eine sehr erfolgreiche didaktische Methode sein, wenn sich Trainer und Berater auf die Gesprächs- und Lerndynamik der Gruppe einlassen und das gemeinsame Arbeiten außerhalb gewohnter Strukturen und Verfahren unterstützen, möglichst nahe am Ort des Geschehens – sozusagen im „Shop“. Im internationalen Sprachgebrauch wird mit dem Wort „workshop“ ohnehin zunächst der besondere Platz fokussiert. Sehr anschaulich ist dies auf der englischsprachigen Wikipedia-Seite zum Begriff „Workshop“, und zwar beginnend mit einer interessanten Heuristik der Überblicksseite „Workshop (disambiguation)“ und dann vertiefend im Artikel zum „Organization Workshop“.

Der „Workshop“ steht als intransparentes Fremdwort beileibe nicht alleine im Feld der Bildungsarbeit. Ganz selbstverständlich sprechen wir von „Assessment“, „Coaching“, „Team-Building“, „Feedback“ und last but not least von „Trainings“. All diese Begriffe geben wohlwollende Freiräume für eigene Bedeutungsvarianten und Interpretationen. Aus professionsbezogener Perspektive gewiss kein Zeichen für ein zuverlässiges Fachvokabular, und in praktischen Anforderungen macht es die Handhabe nicht unbedingt einfacher, wenn unter den Beteiligten erst rückversichert werden muss, was eigentlich gemeint ist.

 

Quellen:

Kühl, Stefan (2015): Sisyphos im Management. Die vergebliche Suche nach der optimalen Organisationsstruktur. 2., aktualisierte Auflage. Frankfurt: Campus.
Die Zitate sind entnommen aus dem Kapitel „Qualität: Paradoxe Effekte und Nebenfolgen des Qualitätsmanagements“, S. 77ff.

Lipp, Ulrich; Will, Hermann (2008): Das große Workshop-Buch. Konzeption, Inszenierung und Moderation von Klausuren, Besprechungen und Seminaren. Weinheim: Beltz.

Ulrich Iberer

Ulrich Iberer

Der Medienexperte studierte Erziehungswissenschaft mit Schwerpunkt Betriebliche Bildung an der Universität Eichstätt-Ingolstadt und promovierte zum Thema “Bildungsmanagement von Blended Learning”. Aktuell forscht und lehrt Ulrich Iberer an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg in den Fächern Bildungsmanagement und Erwachsenenbildung. Er hat ein besonderes Faible für das Re-Design “klassischer” Seminarmethoden und setzt beim Blended Learning auf “einfache Mittel”. Bei methodium wirkt Ulrich Iberer bei der Weiterentwicklung von methoden-kartothek.de und E-Learning-Projekten mit.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.