„Es ginge viel mehr, wenn wir mehr gingen“ – Bewegung im Seminar

Vor kurzem durfte ich mal wieder meinen Rhetorik-Baustein in einem Seminar durchführen. Ich schreibe bewusst „durfte“, denn dieses Seminar macht mir immer besonders Spaß – und ich weiß immer schon im Voraus, dass auch meine Teilnehmer viel Freude haben werden. Einer der Gründe: wir sind den ganzen Tag in Bewegung. Wir starten mit einem Tanz im Kreis. Und so geht es auch weiter: Wir stehen im Kreis, der Kreis dreht sich, und immer die Person, die am „Magic Point“ steht, macht die Übung. Der „Magic Point“ – das ist der exponierte Platz vor der Gruppe, auf den die ganze Aufmerksamkeit der Gruppe gerichtet ist und von dem aus man den größten Einfluss hat.

Aber Bewegung ist bei mir auch in vielen anderen Seminaren ein fester Bestandteil. Warum?

Seminar und Kurse sind nicht nur geistig fordernd, sondern auch körperlich anstrengend. Ein ganzer (Seminar-)Tag Sitzen ist physiologisch hochgradig belastend, und ähnlich gilt dies auch für einen Abendkurs nach einem langen (Arbeits-)Tag. Bewegungsphasen bieten hier Ausgleich und Abwechslung. Wenn anfängliche Hemmungen überwunden sind, macht sich oft befreites Lachen breit.

Bewegungselemente in Seminaren lassen sich einsetzen

  • um das Gehirn zu beleben, die Sauerstoffversorgung zu unterstützen und den Kreislauf in Schwung zu bringen; das hilft, frische Energie zu gewinnen und wieder munter zu werden,
  • um körperlichen Spannungen vorzubeugen und vorhandene Spannungen abzubauen,
  • um Entspannung zu fördern, Stress abzubauen und eine gelockerte Atmosphäre zu schaffen,
  • um miteinander spielerisch Kontakt aufzunehmen und die Gemeinschaft zu erleben,
  • zur Vorbereitung von kreativen Arbeitsphasen: Körperliche Bewegung unterstützt geistige Beweglichkeit,
  • zur besseren Verankerung von Lerninhalten.

 

„Bewegung formt das Gehirn“

Körperliche Aktivität kann sich während der gesamten Lebensspanne positiv auf die Struktur und Funktionsweise des Gehirns und damit auch auf die Lernleistung auswirken. Es gibt inzwischen eine Vielzahl an Studien, die den positiven Zusammenhang zwischen Bewegung und Lernen untermauern.

Laura Walk, eine Mitarbeiterin von Manfred Spitzes Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen (ZNL) an der Uni Ulm, gibt in einem Artikel einen Überblick zu den wichtigsten „lernrelevanten“ Erkenntnisse der neueren Gehirnforschung  (vgl. Walk 2011, S. 27ff). Ihre Aussagen prägnant zusammen gefasst:

Bewegung und körperliche Belastung

  • fördern die Gehirndurchblutung und die Neubildung und Vernetzung von Nervenzellen im Gehirn,
  • wirken auf die Struktur und Funktionsweise des Gehirns ein,
  • fördern die Anpassungsfähigkeit und Plastizität des Geistes,
  • steigern die Bildung und Verarbeitung der Neurotransmitter Serotonin, Dopamin und Noradrenalin, also jener Stoffe, welche für die Weitergabevon Signalen in den nervenzellen verantwortlich sind,
  • fördern die Selbstregulation, also die Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen, die Aufmerksamkeit zu steuern, sich Ziele zu setzen ect.,
  • beeinflussen entscheidend das emotionale Wohlbefinden.

Das Alles gilt auch für ältere und alte Menschen. Bewegung und Sport können das Gehirn verjüngen und die geistige Leistungsfähigkeit steigern.

Bewegung im Seminar – für Einsteiger:

Manche Teilnehmer haben zunächst Vorbehalte gegenüber Bewegungsübungen und -spielen. Beginnen Sie deswegen mit einfachen, unproblematischen Übungen, z.B. Gymnastik. Laden Sie die Gruppe ein, ein bisschen etwas zur Abwechslung, zur Lockerung zu tun: „Sie werden sehen, wie gut das tut.“

Die Liste möglicher Bewegungsübungen und – spiele ist unendlich, nachfolgend nur eine kleine Auswahl. Beginnen Sie Ihre eigene Sammlung! Hier einige erste Anregungen für den Einstieg – weitere Beispiele folgen in Kürze:

  •  Einfache Gymnastikübungen, z.B. „Bürogymnastik“: Reck-, Streck-, Dehnübungen, Schulterkreisen, Armkreisen, Fäuste ballen und loslassen, Bizeps anspannen und loslassen, auf den Fersen balancieren, auf einem Bein stehen, Kaubewegungen, Grimassen schneiden usw.
  • Übungen für die Augen, z.B. die Augen mit den Händen sanft bedecken, die Augen nicht schließen, die Augen leicht nach links drehen, leicht nach rechts drehen, auf und ab etc.
  • „Fingerübungen“: Alle TN halten ihre Hände hoch; sie Klopfen erst mit dem Zeigefinger, dann mit dem Mittelfinger usw. auf den Daumen; andersherum zurück; jetzt mit der rechten Hand in die eine Richtung, mit der linken in die andere usw.
  • „Überkreuzbewegungen“: linkes Knie heben, dazu die rechte Hand auf den linken Oberschenkel legen; rechtes Knie heben und die linke Hand auf den rechten Oberschenkel legen usw.; geht genauso mit der linken Hand ans rechte Ohr und umgekehrt oder: Hand zum anderen Ellenbogen; mit flotter Musik unterlegen.
  • Qi Gong und Tai Chi: Auch viele Übungen aus diesen asiatischen Künsten lassen sich – manchmal in vereinfachter Form – in Seminaren einsetzen. Falls Sie selbst eine dieser Künste üben – umso besser!

Wie wäre es mit etwas Bewegung auch in Ihrem nächsten Seminar? Ich bin mir sicher: Ihre TeilnehmerInnen werden es Ihnen danken, wenn sie sich zwischendurch mit Spaß bewegen dürfen!

 

Müller, U. (2012): Bewegung/Tanz. In: Müller, U. u.a. (Hg): methoden-kartothek.de. Spielend Seminare planen für Weiterbildung, Training und Schule. Bielefeld: WBV

Walk, L. (2011): Bewegung formt das Gehirn. Lernrelevante Ergebnisse der Gehirnforschung.  www.diezeitschrift.de/12011/walk1001.pdf

TransferZentrum für Neurowissenschaften und Lernen, Uni Ulm: www.znl-ulm.de/

www.bewegteschule.de

 

Ulrich Müller

Ulrich Müller

Ulrich Müller studierte Erziehungswissenschaften an den Universitäten Augsburg und Eichstätt und ist seit 1984 als Berater, Trainer und Coach in der Weiterbildung tätig. Seit 2003 lehrt er Bildungsmanagement an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg, wo er das Institut für Bildungsmanagement und den gleichnamigen Masterstudiengang Bildungsmanagement aufbaute. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Didaktisches Design, Train-the-Trainer und Führungskräfte-entwicklung. Ulrich Müllers besondere Leidenschaft gilt der Entwicklung von inspirierenden und aktivierenden Lernumgebungen: „Der Mensch soll lernen, nur die Ochsen büffeln“ (Erich Kästner).

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