Zeit für eine schöpferische Pause

Es ist Sommer. Vor meinem Fenster an der Wand blüht der wilde Wein. Bienen sammeln emsig Nektar und Pollen. Es müssen hunderte, vielleicht sogar mehr als tausend sein, so laut brummt und summt es. Es ist heiß. An der Pinnwand in meinem Arbeitszimmer hängt die To-Do-Liste für die nächsten Tage, die letzten Arbeitstage vor dem Urlaub.

Ich genieße diese ruhigen Arbeitstage Mitte August: da liegt der „Juli-Stress“ hinter mir, viele Leute sind bereits im Urlaub, und das E-Mail-Aufkommen ist entsprechend gering. Zeit, um Liegengebliebenes aufzuräumen, einmal am Stück an Arbeiten dran zu bleiben und Pläne für den Herbst zu machen (vgl. Beitrag „Saure-Gurken-Zeit“).

Jedes Jahr wieder aber merke ich auch, wie ich dann Tag für Tag etwas langsamer werde, wie die Spannung nachlässt, wie Körper und Geist erholungsbedürftig sind – es wird Zeit für den Urlaub, Zeit für eine schöpferische Pause.

„Eine schöpferische Pause“ – die deutsche Sprache hält wunderbare Ausdrücke bereit, so auch diesen. „Schöpfen“ = „(eine Flüssigkeit) mit einem Gefäß, der hohlen Hand o.ä. entnehmen, heraus-, nach oben holen“, und: „(in Bezug auf geistige Dinge) erhalten, gewinnen, beziehen“ (Duden). Der Ausdruck weckt Assoziationen: mit der Hand aus einer sprudelnden Quelle erfrischendes Wasser schöpfen und davon trinken.

Die schöpferische Pause ist „schöpferisch“ in einem doppelten Wortsinn: es ist eine Pause im Schöpfen – damit kann sich wieder frisches Wasser in der Quelle sammeln. Und damit sichert die Pause im Schöpfen, dass es nach der Pause mit dem Schöpfen weitergehen kann. Also eine Pause für das Schöpfen. Man kann nur schöpfen, so lange mehr Wasser nachfließt als man entnimmt. (Das klingt nach einer Variante der ursprünglichen, im Bereich der Forstwirtschaft entstandenen Definition von Nachhaltigkeit).

“The art of relaxing is part of the art of working“ so John Steinbeck, und ich bin überzeugt, dass er recht hat. Aber wenn das Ausspannen eine Kunst ist, ist es auch nicht selbstverständlich, dass es gelingt. Die schöpferische Pause will also gestaltet sein. Und für mich – wie für viele geistige Arbeiter und Künstler – bedarf es dazu einer gewissen Disziplin: sich von der Arbeit fern zu halten.

Urlaub ist deswegen für mich wirklich Entspannungszeit: Ich nehme keine Arbeit mit und nehme mir nach Möglichkeit auch keine großen „Projekte“ vor (manchmal sind sie allerdings unvermeidbar). Meist verreisen wir, um auf Abstand zu gehen und um neue Anregungen zu bekommen, aber wir machen kein großes Programm. Wir suchen schöne Orte auf, lassen uns dort treiben und inspirieren. Eine fremde Sprache, fremde Leute, Bewegung, Natur, Kultur, frische Luft, Spiel und Spaß: was im Alltag leider oft zu kurz kommt, jetzt ist Zeit dafür.

Immer dabei: das Reise-Tagebuch. Hier schreibe ich über meine Tage und halte meine Gedanken und Ideen fest. Ja, da sind dann auch viele Ideen für Führungsalltag, Seminare und Schreibprojekte, aber ich arbeite nicht daran; ich halte nur fest, was mir zufliegt.

Eine schöpferische Pause: Nach der Rückkehr bin ich meist wieder voll Ideen und Lust auf neue Projekte. Und was ich vor dem Urlaub nicht mehr geschafft habe, geht mir jetzt meist leicht von der Hand.

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Auch ein guter Ort für schöpferische Pausen: der wunderschöne Japanische Garten im Botanischen Garten Augsburg

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