Tisch-Architekturen für kleine Seminarräume

Neben dem Dozenten (samt seiner bzw. ihrer methodischen Vorgehensweise) und Lernmaterialien wird bisweilen eine weitere, didaktisch bedeutsame Einflussgröße hervorgehoben: Die architektonische Gestaltung des Seminarraums. Pädagogik-Lehrbücher sprechen hier gerne vom “dritten Pädagogen”. So hat Reinhard Kahl in seiner bekannten Publikation “Treibhäuser der Zukunft” besonders innovative Gebäude- und Raumarchitekturen von Schulen portraitiert (vgl. Dokumentation im “Archiv der Zukunft”).

Bus-Bestuhlung

Leider der “Klassiker”: Blickrichtung frontal

Bei meinen Einsätzen als Dozent oder Trainer mit erwachsenen Menschen habe ich viele Bildungshäuser kennen gelernt, die mich durch kluge Raumzuschnitte, viel Tageslicht und gekonnter Farbgestaltung positiv eingestimmt und sogar bisweilen beeindruckt haben (unvergessen: Evangelische Tagungsstätte Schwanenwerder in Berlin). Jedoch: In der Mehrzahl betrete ich Räumlichkeiten, die primär nach Effizienzgesichtspunkten gestaltet wurden. Die Anzahl der Tische und Stühle ist so bemessen, dass möglichst viele Menschen darin platziert werden, und zwar ausnahmslos genau so, wie es die meisten von uns aus ihrer Schullaufbahn kennen: Vorne der Lehrer an der Tafel, dahinter jeweils zu zweit an einem Tisch aufgereiht diejenigen, die artig zuhören und mitschreiben sollen, was vorne passiert bzw. vorgetragen wird.

Für ein zeitgemäßes, erwachsenengerechtes Lernen genügt eine solche Tisch-Architektur in den seltensten Fällen. Jegliche Anstrengungen nach didaktischer Professionalität werden konterkariert, praktische Anforderungen werden nicht erfüllt. Meine zentralen Anforderungen an eine andragogisch adäquate Innenraum-Architektur sind …

  • Dialogbereite Blickrichtung: Alle Akteure im Raum sollen sich jederzeit anblicken und ansprechen können. Beim Erfahrungsaustausch, kreativen Arbeiten oder in kontroversen Diskussionen steht nicht der Dozent, sondern die Seminarteilnehmer im Mittelpunkt.
  • Demokratische Arbeitskultur: Das Plenum ist die methodische Basisform von Präsenzseminaren. Hier beginnt, hier endet der gemeinsame Lehr- und Lernprozess. Die Sitzarchitektur spiegelt im Idealfall Grundprinzipien demokratischer Aushandlungsprozesse wider und schafft Raum auch für Mindermeinungen oder Außenseiterpositionen.
  • Offenheit und Raum für Varianten: Lehrkonzepte, die die individuellen Stärken und Talente der Teilnehmer erschließen wollen, sind auf flexibel und schnell gestaltbare Sozialformen angewiesen. Für den Wechsel vom Plenum in eine Partnerübung, zurück ins Plenum, weiter in Teamarbeit, sind kreative Anordnungen von Arbeitstischen und Sitzmöglichkeiten notwendig.

Um all dies zu erreichen, ist der Dozent bzw. Trainer auch als Innenraum-Architekt gefragt. In einem meiner derzeitigen Seminarräume ist diese Aufgabe aufgrund der äußeren Rahmenbedingungen nochmals besonders herausfordernd (kleine Raumgröße, große Teilnehmerzahl). Doch davon lasse ich mich in meiner Kreativität nicht abschrecken und erprobe immer wieder Varianten für Tisch-Architekturen:


Stuhlkreis

Stuhlkreis

  • Vorteile: jeder kann jeden sehen; harmonische Form; Konzentration auf die Mitte; keine Tischmedien, die ablenken (z.B. privates Handy!)
  • Nachteile: die Lernenden sitzen ziemlich eng aufeinander; keine Arbeitsfläche zum Mitschreiten oder für persönliche Materialien

Tisch-U

U-FormTisch-U gedreht

  • Vorteile: schnell herzustellen; der große Freiraum in der Mitte kann für Aktionsformen ohne Medien genutzt werden (z.B. Energizer, Partner-Interview)
  • Nachteile: Die Teilnehmer sitzen z.T. weit weg vom Dozenten; um den Raum spontan zu verlassen, müssen Personen aus der Mitte über die anderen steigen

Eine nochmals andere Raumwirkung ergibt sich, wenn die Architektur um 90 Grad gedreht wird (s.o.).


Gruppentische

Gruppentische

  • Vorteile: schneller Wechsel in Partner-Arbeit oder 3er-Gruppen mit Tisch möglich; schnell erweiterbar
  • Nachteile: bildet kein wirkliches Plenum: Personen in der Mitte sitzen im Rücken, ungünstig für Diskussionen; bei kleinen Tischen hat nicht jeder TN Tischfläche

Tafelrunde

Tafel-Runde

  • Vorteile: Starke Konzentration auf die Mitte, Materialien können über den Tisch schnell gewechselt werden: zwei Freiräume oberhalb und unterhalb der Tafel schaffen zusätzlichen Raum für Partnerarbeit, zum Ausweichen usw.
  • Nachteile: Personen, die vom Dozenten weiter weg sind, können leichter aus dem Blick fallen und fühlen sich u.U. nicht gleichrangig eingebunden; wenig geeignet für Frontalpräsentationen, da hier die Lernenden ihren Köpfe zwischen Sitzposition und Blickrichtung hin- und herdrehen müssen

V-Formationen

V-Form 1V-Form 3

  • Vorteile: Lernenden werden “rangeholt”: die eher ungewohnte Tischform demonstriert, dass die TN “näher am Geschehen” sein sollen; Blickrichtung auf die Mitte hin, gleichzeitig Tische für Mitschreiben verfügbar
  • Nachteile: komplizierte Positionen, nicht jeder TN hat Tischfläche

Tisch-Kreis

Tisch-Kreis

  • Vorteile: Idealform hinsichtlich Mittelpunkt, jeder kann jeden im gleichen Winkel anblicken
  • Nachteile: manche Teilnehmer müssen sich bei Dozenten-Präsentationen stark vom Tisch wegdrehen; nicht jeder TN hat eine Schreibfläche

Welche Variante ich heranziehe, entscheide ich daran, welche methodische Vorgehensweise für die Sitzung (bzw. den Tag, den Halbtag) dominierend, arbeitsleitend sein soll: Diskussion im Plenum? Arbeiten an Materialien, Dokumenten? Rückzug in vertrauliche Dialoge?

Bei aller Kreativität und Variantenreichtum:
Kleine Seminarräume mit großer Teilnehmerschar bleiben auf Dauer eine suboptimale Arbeitsumgebung. Besonders dann, wenn alle Beteiligten sich länger als einen halben Tag zusammen sind, drohen aufgrund der Enge Gruppendynamiken, die vom Dozenten kaum mehr gesteuert werden können. Hier heißt es dann: ausbrechen in den Lernraum Natur durch “Learning by Walking”!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.