König Fußball erobert das Seminar

Es gibt nur wenige Großereignisse mit einer solch enormen gesellschaftlichen Aufmerksamkeit wie die Fußball-Weltmeisterschaft (der Männer). Kaum ein Gespräch in diesen Tagen vergeht, in dem nicht irgendeine Facette aus dem Kontext der Weltmeisterschaft der Auslöser von mehr oder weniger bedeutungsvoller Kommunikation ist. Und es sind dabei nicht nur die sportlichen Ereignisse, die thematisiert werden. Auch boulevardeske Fragen nach der modischen Attraktivität von Trikots oder die eigene politische Meinung zu sozialen Konflikten im Gastgeberland werden aktuell mehr denn je thematisiert, im Freundes- wie im Kollegenkreis.

Seminarplaner erahnen diese Aufmerksamkeiten frühzeitig. In der Terminierung ihrer Seminare und Veranstaltungen sorgen sie dafür, dass diese nicht mit wichtigen Spielen der Fußball-WM kollidieren und die Teilnehmerinnen und Teilnehmer vom Lern- bzw. Arbeitsprozess zu sehr abgelenkt werden. Dabei muss die Fußball-WM aber beileibe kein Konkurrent um Zeitfenster bleiben: Kreative Dozentinnen und Trainer wissen Wege, um daraus eine originelle „Win-Win-Situation“ zu gestalten und das Ereignis Fußball-WM gewissermaßen als „didaktischen Hebel“ für die eigenen Seminarziele zu nutzen. Ich möchte Ihnen hier verraten, wie ich in meinen Seminaren den Fußball als Initial, Inhalt und Instrument aktuell einsetze.

Thema „Fußball-WM“ als Auslöser, Aufwärmer

Die breite gesellschaftliche Auseinandersetzung macht die Fußball-WM zu einem schnell anschlussfähigen Gesprächsthema. Sie ist ideal als unverfängliche Frage beim Kennenlernen geeignet, jeder und jede kann etwas über sich erzählen ohne allzu sehr persönliche Details Preis geben zu müssen:

  • Unmittelbare Fragen: „Wo haben Sie das letzte Spiel der deutschen Nationalmannschaft verfolgt?“
  • Satzergänzung: „Wenn ich Bundestrainer wäre, würde ich …“

Ich versuche dabei die Fragen immer so zu formulieren, dass neben den Fußball-Fans und auch diejenigen gut antworten können, die dem Fußball-Zirkus eher reserviert gegenüberstehen.

„Fußball“ als Methode und Medium

Im Laufe der Zeit habe ich mir ein Set an verschiedenen Methoden und Medien angeschafft, mit denen ich den Fußball unmittelbar in das Seminar integrieren kann:

  • Überall dort, wo Spielwaren oder Wohnungsaccessoires verkauft werden, findet man in Wühltischen kleinere und größere Schaumstoff-Fußbälle zu günstigen Preisen. Der Clou dieser Bälle: animieren auf erwachsenen-gerechten Spieltrieb, keine große Verletzungsgefahr, herumfliegende Bälle beschädigen kein Mobiliar.
  • Fussball05Das „Pass-Spiel“ bleibt nicht nur eine sprachliche Metapher. Die Bälle setze ich gezielt als Medium bei Dialog-Übungen oder in Methoden zur Auflockerung ein. Bei Methoden, in denen ohnehin Bälle zum Einsatz kommen, sind in WM-Zeiten solche Fußball-Nachahmungen gute „Eisbrecher“. Man kann so auch eher zurückhaltende Teilnehmer unauffällig aus der Reserve locken, z.B. bei Übungen im Team- bzw. Konflikt-Training oder bei Gemeinschaftsaufgaben.
  • Bei einem Trainer-Kongress hatte ich zuletzt gesehen, wie eine Seminarleiterin einen (echten) Fußball dazu verwendet hat, um die Neugierde der Teilnehmer gekonnt auf ihren Vortrag zu lenken. Der Ball lag während der Präsentation zunächst am Fuß der Pinnwand. Zum Höhepunkt ihrer Ausführungen kickte sie den Ball dann nach oben und verstärkte mit dem Ball in den Händen die Gestik ihrer Ausführungen.

Metapher „Fußballspiel“

Das Fußballspiel bietet eine herrliche Bandbreite von bildhafter Sprache, die sich in verschiedenste Themen integrieren lassen: „sich die Bälle zupassen“, „im Abseits stehen“, „Aufstellung“, „Zweikampf“, „Team-Geist“. Die Metaphorik solcher Fußball-Begriffe bzw. Formulierungen bietet für Erläuterungen des Seminarthemas interessante didaktische Chancen:

  • Sport ist (im Ideal) per se zweckfrei und damit unverdächtig hinsichtlich ideologischer Absichten. Gleichzeitig werden in den Fußball-Begriffen auch positive Werte mit transportiert, die mit dem anvisierten Bildungs- bzw. Trainingsziel eng einhergehen (z.B. Zielorientierung, Fairness, Anstrengung, Begeisterung).
  • Die Klarheit und emotionale Strahlkraft der Fußball-Sprache vermag die Lernenden zu begeistern, die Situationen auf dem Fußballplatz gedanklich auf andere Situationen außerhalb dessen zu transferieren, z.B. auf eigene Arbeitsstrategien, die Zusammenarbeit mit den Kolleginnen usw.

Analogien in Theorie und Praxis

Beim Blick in Fachdisziplinen und Branchen fällt auf, dass die Redakteure von Fachzeitschriften für ihre Ausgaben in Zeiten einer Fußball-WM diese als willkommenes Rahmenthema („Aufhänger“) aufgreifen. Die Breite der Analogien, die hierbei zwischen den verschiedensten Facetten des Fußballs und dem jeweiligen Fachthema gezogen werden, kennt dabei scheinbar keine Grenzen und provoziert neue Zugänge zu verschiedenen Themen:

  • Zur Fußball-EM 2008 hatte die Arbeitsstelle für Hochschuldidaktik der Universität Zürich eine kleine Publikation mit dem Titel „Standardsituationen. Die universitäre Lehrveranstaltung als Fußballspiel“ herausgegeben (online hier zugänglich). Die Autoren vergleichen darin die Regelhaftigkeit von Fußballspielen mit der Regelhaftigkeit von eben didaktischen „Standardsituation“ – also falls es solche gibt.
  • Die Universität St. Gallen bereitete sich vergangenes Jahr mit einem Dossier „Die Welt ist rund – Fussball-Management und andere ballsichere Themen“ auf die Fußball-WM vor. Darin besonders lesenswert der Beitrag von Dieter Euler: „Was kann eine Universität wie die HSG aus dem Fussball-Management lernen? Eine Betrachtung von Analogien aus dem akademischen und dem fussballerischen Kosmos“.
  • „Fußball scheitert oft und gelingt selten“: Gerade in dieser Differenz, so Matthias Sellmann, liegt seine Mystik. Der Professor für Pastoraltheologie an der Ruhr-Universität Bochum erforscht den Fußball aus religions- und kultursoziologischer Perspektiv und entwickelt daraus interessante Perspektive für außer-fußballerische Themen. Lesetipp: Sellmann, Matthias (2006): Lachen. Heulen. Jubeln. Beten. Fußball als Gleichnis und Schule des Glaubens. In: Erwachsenenbildung, Vierteljahresschrift für Theorie und Praxis, herausgegeben von der Katholischen Erwachsenenbildung Deutschland, Ausgabe 1/2006, S. 12-15.

Last but not least: Akteure in allen Bildungsbereichen können nicht nur über den Fußball, sondern auch vom Fußball lernen. Der organisierte Fußball bietet interessante Anschauungsbeispiele für Lern- und Bildungsprozesse generell, und selbst unter Bildungsexperten ist noch wenig bekannt, dass der Deutsche Fußball-Bund ein umfangreiches, professionelles Bildungssystem vorhält. In den Trainingsstunden der Sportvereinen erlernen in jeder Woche weit über zwei Millionen Menschen ganzheitliche Kompetenzen, nicht nur zur Optimierung einer Vierer-Abwehrkette, sondern auch in der Leitung von Teams, in der Organisation von Projekten zum Natur- und Umweltschutz oder bei der Integration ausländischer Mitbürgerinnen und Mitbürger (weitere Informationen: http://training-wissen.dfb.de).

Wenn Ihnen jetzt all dies zu viel des Fußballs sein sollte:

Ich habe fertig!
(Giovanni Trappatoni, italienischer Fußballtrainer)

Ulrich Iberer

Ulrich Iberer

Der Medienexperte studierte Erziehungswissenschaft mit Schwerpunkt Betriebliche Bildung an der Universität Eichstätt-Ingolstadt und promovierte zum Thema “Bildungsmanagement von Blended Learning”. Aktuell forscht und lehrt Ulrich Iberer an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg in den Fächern Bildungsmanagement und Erwachsenenbildung. Er hat ein besonderes Faible für das Re-Design “klassischer” Seminarmethoden und setzt beim Blended Learning auf “einfache Mittel”. Bei methodium wirkt Ulrich Iberer bei der Weiterentwicklung von methoden-kartothek.de und E-Learning-Projekten mit.

1 Comment

  1. Tolle Ideen!
    Da gibt’s auch noch ein Buch von Peter Schlötter: „Das Spiel ohne Ball im Unternehmen: Kommunikation sichtbar machen und verbessern“ , in welchem sich der Autor auch der Fußball-Metapher bedient um Kommunikation und systemische Prozesse in Unternehmen deutlich zu machen.

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