Foto: Sven Graeme, flickr.com, cc by-sa de 3.0

Advent, Weihnachten, Jahreswechsel: Mehr als sonst lädt uns die kalte und dunkle Jahreszeit ein, sich mit Inhalten auseinanderzusetzen. Losgelöst von Arbeitstakt und Leistungszwang genießen wir es, ein Thema in aller Ruhe zu vertiefen. Die aktuelle Ausgabe der Fachzeitschrift, die Teilnehmerunterlage aus dem letzten Fortbildungsseminar, oder schlicht der neue Asterix-Band: Es tut gut, die Berufs- und Alltagswelten hinter uns zu lassen, auf eine einzige Sache hinzuarbeiten und sich dabei selbst zu vergessen. Irgendwann landen wir im „Flow“, dem Gefühl von glückseeliger Zufriedenheit, wie es der prominente Psychologe Mihaly Csikszentmihalyi vor vielen Jahren formulierte.

Obwohl das Lesen auf den ersten Blick anstrengender anmutet als andere Unterhaltungsformate (Internet-Surfen, Fernsehen usw.), greifen wir gerne in das Buchregal und machen es uns mit oder ohne Rotwein in der Hand im Lesesessel gemütlich. Es dauert nur wenige Minuten und wir sind in den Ausführungen des Textes eingetaucht und regelrecht versunken. Auch heute, im Zeitalter digitaler Informationstechnologien, bildet das konzentrierte Lesen nach wie vor eine Keimzelle von Lernprozessen:

  • Analoge Medien, insbesondere Bücher, transportieren über die explizite fachliche Information hinaus wichtiges Kontextwissen. Sie verbinden Inhalte mit Personen (Autorinnen und Autoren), ordnen Aussagen in übergeordnete Zusammenhänge ein (z.B. Buchreihen, Fachgebiete usw.) und garantieren mit Hinweis auf Redaktions- und Reviewprozesse fachliche Qualität.
  • Auch wenn in vielen Fällen Fachliteratur über Online-Quellen bequem und schnell bezogen werden kann, auch wenn E-Books immer populärer werden, so wird über das analoge Medium ein Thema im wahrsten Sinne des Wortes greifbar: Das haptische Erleben von Büchern macht Lernen gegenständlich, weckt Emotionen und birgt einen hohen Aufforderungscharakter zum Weitermachen, Vertiefen, Erweitern.
  • Egal ob durch offenes Blättern und Schmökern, oder in der konzentrierten Lektüre: Wer sich längeren Ausführungen widmet, erwirbt ein Wissen, das komplexer ist als der Download loser Daten oder Textfragmente. Im Flow des Lesens können Menschen ideelle Orientierung erwerben und letztlich persönliche und kulturelle Identität entwickeln.

In Büchern zu lesen muss beileibe keine rein meditative Selbstbeschäftigung bleiben – methodische Konzepte versuchen den Flow des Lesens in institutionalisierte Bildung zu integrieren: Die Fachzeitschriften-Auslage in den Fluren von Akademien und Bildungshäusern, die Buchvorstellung mit Autorenlesung in einer Bibliothek bis hin zu zivilgesellschaftlichen Initiativen, die Buchspenden entgegen nehmen und diese an Schulbibliotheken, Flüchtlingsheime oder andere soziale Einrichtungen verteilen (Beispiel „Berliner Büchertisch“).

Möglicherweise lesen Sie diesen Beitrag auf Ihrem neuen Tablet oder Smartphone, und auch ich gebe zu: Immer mehr sind es auch digitale Texte, die mich in einen „Flow“ versetzen. Der Bildschirm ersetzt dabei jedoch keineswegs das Bücherregal, sondern ganz im Gegenteil: Bei der Online-Recherche für diesen Blog-Beitrag bin ich auf zwei neue Publikationen gestoßen, die ich sogleich bei meinem lokalen Buchhändler geordert habe und die in meinem nächsten Fortbildungsseminar den Büchertisch bereichern werden.

(Mehr zur Aktionsform „Büchertisch im Seminar“: 4. Ergänzungslieferung von methoden-kartothek.de im Januar 2016).

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