Exkurs: ZEN oder “Der wahre Sportler zeigt sich in der Verletzungspause”

„Au, welcher Blödmann …!“. Es fühlte sich an, wie wenn mir jemand mit voller Kraft gegen die Wade getreten hätte. Aber niemand war in meiner Nähe. Mit starken Schmerzen ging ich zu Boden. Meine Volleyball-Freunde brachten mich ins Krankenhaus, dann war klar: Achillessehnen-Riss. Drei Tage später wurde ich operiert, seitdem war ich mit einem VACOped-Schuh und zwei Krücken unterwegs. Jetzt, 6 Wochen später, bin ich den Schuh wieder los und trainiere, erst einmal wieder mit den Krücken, wieder „normal“ zu laufen.

Nach dem Unfall lief es in Sekundenbruchteilen wie ein Film vor meinem inneren Auge ab: „Wie bekomme ich meine beruflichen Termine geregelt? Wer vertritt mich in den Seminaren? Ich falle bei den Weihnachtsvorbereitungen in der Familie aus. Für Monate erst einmal kein Volleyball, kein Tanzen, kein Spazierengehen, kein Joggen…  – erst einmal alles vorbei…“.

Es ist nicht meine erste Verletzung, ich kenne das Spiel: Zunächst müssen die akuten Beschwerden zurück gehen, die Schwellung und Entzündung abklingen; dann tritt langsam die Heilung ein; dank des fehlenden Trainings lässt die Kondition nach und die Muskulatur baut sich ab; dem Liegen und Herumsitzen folgen „Sekundärbeschwerden“ wie Ischias- und Rückenbeschwerden; Schmerzen treten ein; hoffentlich eine vollständige Heilung! Dann heißt es, mit geduldigem Training wieder langsam Beweglichkeit, Kraft und Kondition zurückzugewinnen. Bei einem Achillessehnenriss dauert das, so wusste ich bald aus dem Internet, 3-9 Monate. Na sauber!

Der amerikanische Schriftsteller Robert M. Pirsig (1999) schreibt in seinem Buch „ZEN oder die Kunst ein Motorad zu warten“ über „Gumption traps“, auf deutsch vielleicht als „Mummfallen“ zu bezeichnen: Situationen, in denen man stecken bleibt, so dass man den  Mut verliert und verzagt. Verletzungen sind grandiose „Mummfallen“ – und daher eignen sie sich hervorragend, ZEN zu lernen und zu praktizieren.

Ich habe mich also noch im Krankenhaus hingesetzt und angefangen aufzuschreiben, was mir zu der Misere einfiel. Anstelle von Teil III zu „ZEN oder die Kunst ein Seminar zu beginnen“ berichte ich heute also von meinem „Selbstversuch“, ZEN anlässlich meines Maleurs zu üben, und was mir alles geholfen hat, nicht in die „Gumption-Trap“ zu tappen…

1. Atme ein – atme aus

Das ist nie verkehrt, ich habe das beim Aikido, beim Qi Gong, beim Meditieren, beim Volleyball und beim Vorträge halten gelernt.

2. Akzeptieren

Es ist alles schön und gut, alles Nachtrauern hilft nicht, es ist nun einmal so. Eine solche Verletzung ist keine Pappenstiel, aber es ist auch d i e Katastrophe, sondern einfach etwas, was zum Leben und zum Sport machen dazu gehört: „ZEN ist die Erkenntnis und die Verbundenheit aller Aspekte des Lebens. Zen ist nicht nur der reine oder ‚spirituelle‘ Teil des Lebens, sondern das ganze Leben: die Blume, die Berge, die Flüsse und Bäche, aber auch die Stadt und die obdachlosen Kinder auf der Straße. Zen ist der strahlend blaue Himmel ebenso wie der wolkenverhangene Himmel und der versmogte Himmel. Zen ist die Taube, die im offenen Himmel fliegt, die Taube, die im offenen Himmel scheißt, und das Hineintreten in den Taubenkot auf dem Gehweg. Zen ist die Rose, die im Garten wächst, die abgeschnittene Rose in der Vase, der Abfall, zu dem die Rose schließlich wird, und auch der Komposthaufen, auf dem sie zerfällt“ (B. Glassmann 1997, S. 14f.).

3. Die Moral hochhalten

Erst einmal geht es darum, jetzt eben nicht in die Falle zu tappen, mich nicht in einen Strudel von Selbstmitleid reißen zu lassen. Jetzt heißt es, dem Maleur ins Gesicht zu sehen: eine ganz schöne Scheiße… Und trotzdem: Mach‘ das Beste daraus!

4. „Was geht noch?“

Als ich wieder zuhause war, habe ich meine Gymnastik-Matte ausgerollt und mal ausprobiert, was von meinem Gymnastik-Programm auch mit dem Schuh möglich ist. Und siehe da, es war gar nicht so wenig. Ca. 70-80% meiner täglichen Übungen waren, vielleicht etwas abgewandelt, auch mit dem Handicap möglich. Die eine Übung im Sitzen, die andere nur mit einem Bein… Es tat gut, in die gewohnte Routine der Gymnastik zu kommen, es tat gut, in der Sporthose auf dem Boden zu sitzen. In diesem Moment fiel mir ein Motto ein, das mich die nächsten Wochen begleiten sollte: „Der wahre Sportler zeigt sich in der Verletzungspause“.

An die Stelle jener Übungen, die wegen der Verletzung nicht möglich waren, habe ich begonnen, mit Hanteln die Arme und den Oberkörper zu trainieren.

Meinen verletzten Fuß ließ ich erst einmal in Ruhe. Nach ein paar Tagen fing ich dann an auszuprobieren, was ich mit dem noch kann. Mein Ziel: ein Versteifen und einen kompletten Muskelabbau möglichst gar nicht anfangen zu lassen bzw. so gering wie möglich zu halten. Also: „Was geht noch?“. Ich kann mit den Zehen wackeln. Ganz leicht, so dass es nicht weh tut. Ich kann ganz leichte Bewegungen mit dem Gelenk machen, ein minimales Fußdrehen. Das erhält zumindest die neuronale Ansteuerung der Muskeln aufrecht. Und es ist der Anfang vom späteren Training.

5. Mitgefühl I

Es ist eine Verletzung, okay. Ich bin stark eingeschränkt, ich muss auf Vieles verzichten. Aber: es geht vorüber! Ich kenne viele Menschen, auch in meiner nächsten Umgebung, die mit viel schlimmeren und oft irreversiblen Beeinträchtigungen leben müssen. Meine Verletzung hilft mir, mein Mitgefühl mit diesen Menschen zu erneuern. Und mich mit meinem „kleinen Elend“ nicht so ernst und wichtig zu nehmen.

6. Mitgefühl II

Und es ist auch in Ordnung, mit mir selbst Mitgefühl zu haben und die Gefühle des Verlusts, des Verzagens, die im einen oder anderen Moment kommen verständnisvoll anzusehen und anzunehmen: das gehört auch dazu. Mitgefühl ist etwas anderes als Selbstmitleid.

7. Achtsamkeit

Es ging also zunächst einmal darum, mit den Krücken laufen zu lernen. Eine hervorragende Möglichkeit, Achtsamkeit zu üben! Jeden Schritt mit voller Aufmerksamkeit gehen; nicht hudeln, sondern mit Ruhe; einen schönen Schritt machen, und noch einen schönen Schritt machen, und noch einen…

Mit den Krücken treppauf, treppab – auch das eine Übung in Achtsamkeit. Ein Sturz wäre jetzt fatal! Übervorsichtig alle Risiken vermeiden macht keinen Sinn. Also versuche ich, mit voller Aufmerksamkeit auch schwierigere „Übungen“ anzugehen.

Funktionelle Bewegungen: Die Physiotherapeutin schärfte mir ein, nach Möglichkeit nicht zu humpeln, sondern funktionelle Bewegungen zu machen: langsam, gründlich, sauber die Bewegungen ausführen.

Auch viele andere Bewegungen und Verrichtungen des täglichen Lebens gehen nicht mehr wie gewohnt. Ich muss kreativ neue Wege finden, um mit Krücken die Spülmaschine auszuräumen. Und bei allem, was anders, schlechter, langsamer geht als sonnst, kann ich Achtsamkeit üben.

Es ist im Prinzip egal, ob man versucht einen sauberen Aufschlag beim Volleyball hin zu bekommen oder mit Krücken sauber zu gehen. Beides kann man mit der gleichen Aufmerksamkeit und Achtsamkeit tun.

8. Geduld I

Eine hervorragende Möglichkeit Geduld zu üben: Jetzt, in diesem Augenblick, geduldig nur das zu tun, was jetzt dran ist, und mir die Zeit zu nehmen, die dieser Schritt jetzt benötigt. Wenn dieses innere Drängen kommt – lass es gut sein! Atme tief ein und mach‘ jetzt nur das, was jetzt dran ist. Ich nenne das die „kleine Geduld“.

9. Geduld II

Im Nachdenken kommt mir dann in den Sinn: Das geht jetzt noch Wochen, vielleicht Monate so. Der unbequeme Stiefel im Bett, das Gehumple mit den Krücken… Da ist dann Geduld II gefragt die „große Geduld“ oder der längere Atem.

10. Trainieren, trainieren, trainieren…

Trainieren von Anfang an, auch wenn man noch eingeschränkt ist. Der verletzte Körperteil muss, damit er heilen kann, durchblutet werden, mit Sauerstoff, Nährstoffen etc. versorgt werden. Deswegen ist es hilfreich, wenn der gesamte Kreislauf nicht in eine Art „Schlafzustand“ verfällt, sondern noch gefordert ist. Ausruhen ist angesagt, aber nicht, sich gehen lassen.

Die Firma OPED, die den tollen VACO®ped-Schuh herstellt, der so viel komfortabler und besser ist als ein Gipsverband, gibt diesem einen hervorragenden Leitfaden mit, was man alles an Übungen machen kann. Ich habe also begonnen, jeden Tag eine Stunde mit diesen Übungen zu trainieren.

… und?

Was hat das Alles mit Seminaren und Trainings zu tun? Auf den ersten Blick: nicht viel. Auf den zweiten Blick sehr viel: „Mein Leben mit Krücken“ ist ein Selbstversuch im selbstorganisierten Lernen. Und der hat mich Vieles gelehrt, was ich auch in meinen Seminaren und Trainings bestens gebrauchen kann.

Glassman, B./Fields, R. (1997): Anweisungen für den Koch. Lebensentwurf eines Zen-Meisters. Hamburg: Hoffmann und Campe

Pirsig, R.M. (1999): ZEN and the Art of Motorcycle Maintenance. An Inquiry into Values. New York: HarperTorch (Erstausgabe 1974)

Kabat-Zinn, J. (2011): Gesund durch Meditation. Das große Buch der Selbstheilung. München: Knaur

http://www.vacoped.com/

http://www.oped.de

P.S.: Einen herzlichen Dank an das Team von Aktiv, Praxis für Physiotherapie, besonders Herrn Markus Müller und Frau Simone Dorner, für Ihre hervorragende physiotherapeutische Behandlung und Begleitung!

http://www.aktiv-eichstaett.de/

 

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