Daddeln im Seminar: Zulassen oder ankämpfen?

chatten - byMiquelLleixaMora
Foto: Miquel Lleixà Mora / flickr.com / common creative

Neulich an der Kasse im Drogeriemarkt. Die Kassiererin bedient eine Kundin, zwischen ihr und mir wartet eine weitere junge Frau. Obgleich absehbar ist, dass sie in wenigen Sekunden als nächste bedient wird, ist sie noch voll in ihr Smartphone vertieft und lässt ihre Finger über die virtuelle Tastatur flitzen. Das große Display lädt unweigerlich mich und weitere Kunden zum Mitlesen beim Chatten mit ihrer Freundin ein. Erst als die Kassiererin auch sie zum Zahlen auffordert, kehrt ihre Aufmerksamkeit zurück. – Noch am gleichen Tag, wenige Stunden später im Seminarraum. Die Gruppenarbeit nähert sich dem Ende, ein Team hat gut und schnell gearbeitet und kann sich über eine kleine, zusätzliche Pause freuen. Erneut auch hier: Der sofortige Griff der Teilnehmer zum Smartphone, Einschalten, schnelles Scrollen, emsiges Tippen, kaum Gespräche untereinander, beinahe Stille am Tisch.

Vom Privaten bis ins Berufliche – die modernen, mobilen Kommunikationsmedien haben nicht nur alle Bereiche unseres Lebens erobert, nein, vielmehr, sie haben Aufmerksamkeiten und Wahrnehmungen verändert. Viele Trainer und Dozenten beobachten dieses Verhalten mit großem Unbehagen. Im Smalltalk unter Kolleginnen und Kollegen erfahre ich immer mehr von Seminarsituationenen, in denen die Teilnehmer derart ausschließlich auf ihr mobiles Kommunikationsgerät fokussiert sind, dass sie dem Seminargeschehen unübersehbar nicht mehr folgen konnten. Manche Dozenten reagieren mit formalen Konsequenzen („Rausschmiss“), andere entwickeln daraus gar kreative Seminarspiele („Wer mit dem Handy spielt, bäckt für alle einen Kuchen“). Das Phänomen an sich ist beileibe nicht neu, auch in früheren Zeiten hat der eine und andere Teilnehmer bestimmte Seminarphasen mit weniger Aufmerksamkeit verfolgt und ist in zeitweise parallele Andersbeschäftigung abgedriftet (Sudoku, Stricken). Gewiss, bestimmte Seminarsettings laden mitunter zum mentalen Ausflug ein, vor allem Reihenbestuhlung und tiefe Tische, bei Frontalunterricht mit inhaltsreichen Präsentationen. Doch auch in Stuhlkreis-Diskussionen erlebe ich mehr und mehr, dass Teilnehmende ihr Smartphone auf dem Schoß oder zumindest in der unmittelbaren Griffnähe und Stand-By platzieren, um jederzeit startbereit zu sein.

Daddeln im Seminar
Foto: Ed Yourdon / flickr.com / common creative

Das ständige „Daddeln“ (vgl. DUDEN, Wiktionary) an Smartphone und Tablet während des Unterrichts hat heute eine neue, andere Qualität erreicht, die mich als Dozent spürbar verunsichert: Präsentiere ich zu unverständlich? Ist mein Lehrstil nicht attraktiv? Verleitet das didaktische Setting zum Abschweifen? Für alle Beteiligten, sowohl bei mir Dozent als auch bei den Teilnehmenden, ist ein Seminar mit hohen Aufwendungen und Vorbereitungen verbunden, jeder investiert viel Zeit zum Kommen und Dabeisein – und gerade dann ist es doch hochgradig irrational, wenn Teilnehmer sich mehrfach aus der Konzentration im gemeinsamen Lehr- und Lernprozess vom Smartphone ablenken lassen. Soll ich es dabei belassen (was meinem Verständnis der Eigenverantwortung des Lernens entspricht) oder aktiv dagegen angehen (was meinem Verständnis der Verantwortung des Dozenten um den gemeinsamen Lernprozess entspricht)?

Beim Erfahrungsaustausch berichtete mir kürzlich eine Trainer-Kollegin, dass sie inzwischen noch mehr methodische Abwechslung und Teilnehmeraktivierung in ihren Seminarplanungen integriert, um aktiv entgegenzuwirken, in der Hoffnung damit die Aufmerksamkeit wieder zurückzuerlangen. Ich bin skeptisch, ob auch ich diesem Hase-Igel-Spiel folgen soll. Schließlich möchte ich durch konstante, inhaltliche Arbeit überzeugen und nicht als Showmaster, der für Unterhaltung sorgt und in der nächsten Sitzung mit erneut anderen Methoden überrascht.

Ich würde es mir aber zu einfach machen mit einem solchen kulturpessimistischen Seufzer zu resignieren. Es ist sicher nicht das Gerät „Smartphone“ an sich, welches ablenkt. Im letzten Update der methoden-kartothek.de hatten wir mehrere Methoden zum Stichwort „Mobile Learning“ verfasst, um zu zeigen wo innovative didaktische Potenziale für Lehr-Lernprozesse liegen. Immer dann, wenn Fachfragen im Seminar nicht beantwortet werden können, lade ich die Teilnehmer ausdrücklich dazu ein, mit ihrem „mobilen Alleskönner“ unmittelbar in die Recherche zu gehen. Und auch ich selbst habe inzwischen mein Tablet im Seminar stets griffbereit, sei es um in der Lernplattform nachzuschlagen, einen Fachbegriff in eine andere Sprache zu übersetzen oder um damit ein Arbeitsergebnis zu fotografieren.

Wenn ich dann die Teilnehmer darum bitte, ihre Geräte auszuschalten bzw. wegzupacken, folgen sie in aller Regel meinen Worten. Solche Aufforderungen erlebe ich in vielen Fällen als eine ausgesprochen heikle Angelegenheit. Vor allem erwachsene Seminarteilnehmer deuten diese schnell als unpassende Erziehungsmaßnahme. Wie herausfordernd und anspruchsvoll das sein kann, hatte ich zuletzt bei mehreren Seminaren mit Teilnehmenden aus dem vorderasiatischen Kulturkreis zu spüren bekommen: Für sie war es gesellschaftlich akzeptierte Normalität, das Smartphone nicht nur still zu gebrauchen, sondern während des Seminars damit auch zu telefonieren, ohne den Seminarraum zu verlassen.

Ulrich Iberer

Ulrich Iberer

Der Medienexperte studierte Erziehungswissenschaft mit Schwerpunkt Betriebliche Bildung an der Universität Eichstätt-Ingolstadt und promovierte zum Thema “Bildungsmanagement von Blended Learning”. Aktuell forscht und lehrt Ulrich Iberer an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg in den Fächern Bildungsmanagement und Erwachsenenbildung. Er hat ein besonderes Faible für das Re-Design “klassischer” Seminarmethoden und setzt beim Blended Learning auf “einfache Mittel”. Bei methodium wirkt Ulrich Iberer bei der Weiterentwicklung von methoden-kartothek.de und E-Learning-Projekten mit.

2 Comments

  1. Lieber Ulrich Iberer,
    ich führe seit mehr als 20 Jahren fast ausschließlich geschlossene Inhouse Seminare durch. Diese sind ohne direkte persönliche Kosten für die Teilnehmer. Außerdem wird die Teilnahme oft vom Vorgesetzten bzw. der Fachabteilung bestimmt. Entsprechend ist i. d. Regel zu Beginn des Seminars die Motivation. Es gibt m. E. zwei Mittel gegen das Daddeln im Seminar:
    1. Sie müssen Ihre Teilnehmer permanent interessieren.
    2. Sie treffen zu Beginn des Seminars eine Vereinbarung mit allen Teilnehmern zum Umgang mit Smartphones u. ä. Wir vereinbaren seitdem es mobile Telefone gibt, dass die Person, deren Gerät man hört (egal wie) und die beim Tippen auf dem Gerät gesehen wird, pro Fall/Geräusch am Abend eine Flasche Champagner ausgibt.
    Mit den besten Grüßen vom Niederrhein
    Helmut Heinemeyer

    1. Hallo Helmut Heinemeyer,
      ein schönes Ritual, das hat Witz und Charme! Danke für den interessanten Einblick.
      Ich hatte gestern erst wieder einen interessanten Austausch mit einer Fremdsprachentrainerin, sie ist auch viel in Inhouse-Seminaren aktiv. Das Problem des „Dattelns“ schilderte sie wiederum ausgesprochen zwiespältig, da in ihrem speziellen Themenbereich (Fremdsprachenunterricht) das Smartphone das Lexikon/Wörterbuch ersetzt hat. Alle Teilnehmer haben es selbstverständlich auf dem Arbeitstisch liegen und nutzen es hierzu. Eine klare Bewertung, wo das Gerät für den Lernprozess sinnvoll genutzt und wo lediglich „gedaddelt“ wird, ist dann in vielen Fällen kaum mehr möglich. Sie stellte sodenn auch die Gegenfrage, ob es denn noch Aufgabe des Trainers sei, darüber zu urteilen … Eine passende Vereinbarung („Seminar-Regel“), die die Verantwortung der Teilnehmer zur kontinuierlichen Aufmerksamkeit am gemeinsamen Lernprozess klärt, erscheint mir bedeutsamer denn je.
      Herzliche Grüße von Ulrich Iberer

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