Aus der Trainer-Praxis: Die Brücke in den Alltag schlagen

Brief an mich selbst

Ich schließe einen großen Teil meiner Seminare mit der „brief an mich selbst„-Methode ab. Die Methode unterstützt den Transfer in den Alltag und kommt meist sehr gut an. Es ist nicht selten, dass sich Teilnehmer noch einmal bei mir melden, wenn sie drei Monate nach dem Seminar ihre „guten Vorsätze“ mit der Post erhalten haben – das freut mich immer sehr!
Letzte Woche kam ich nach dem Seminar mit einem Trainer ins Gespräch, der im angrenzenden Seminarraum tätig war. Als er die Briefe der Teilnehmer in meiner Hand sah, fragte er: „Ach, Sie machen das mit dem Brief wirklich? Ich habe das mal gelesen und auch einmal selbst in einem Training ausprobiert. Aber so richtig hat das bei mir nicht funktioniert. Die Teilnehmer haben gar nichts aufgeschrieben. Die haben eher Löcher in die Luft gestarrt und ich hatte das Gefühl, dass alle erleichtert waren, als ich dann den normalen Feedbackbogen ausgegeben habe. Und bei Ihnen schreiben die wirklich was auf?“.

Ja, das tun sie! Aber ich muß zugeben, dass die Methode mit der Zeit in meinen Seminaren immer besser funktioniert. Mittlerweile habe ich fünf Regeln für die „Anmoderation“ der Methode herausgefunden:

  1. Leitplanken bieten!
    Diese Methode fordert die Teilnehmer stark. Hier ist es wichtig, die Vorgaben so konkret wie möglich zu machen. Sonst ergeht es einem wie dem Trainerkollegen: Die Teilnehmer sitzen vor dem Block und wissen nicht, wie und womit sie beginnen sollen.
    Deshalb visualisiere ich diesen speziellen Arbeitsauftrag immer auch auf dem Flipchart.
  2. Kurz und knapp halten!
    In methoden-kartothek.de wird die Methode mit 5 – 20 Minuten angesetzt. Klassischerweise dauern meine Seminare zwei Tage und ich muss mich nicht mühen die Zeit zu füllen. Auch die Teilnehmer wünschen sich, dass der Seminarabschluss knapp ausfällt. In meinem Setting lande also eher bei 5 Minuten.
  3. Karten statt Din A4-Brief
    Anstelle eines Briefs verwende ich Karten. Jeder Vorsatz kommt auf eine Karte. Bei Briefen denken die Teilnehmer häufig, sie müßten druckreifen Fließtext produzieren.
    Aber Achtung: Auch die Vorhaben auf den Karten sollen ausformuliert sein. Einzelne Stichworte sind zwar besser als nichts, klar und konkret ausformulierte Umsetzungspläne entfalten aber eine ganz andere Wirkung.
  4. Begrenzen
    Zu viele gute Vorsätze erhöhen die Gefahr des Scheiterns. „Lieber wenig, aber dafür richtig“ ist die geeignete Devise. Ich fordere meine Teilnehemr auf maximal drei Gedanken, Vorsätze oder Pläne auf Karten zu schreiben
  5. „Der Brief ist für Sie!“
    Bevor die Teilnehmer zu schreiben beginnen mache ich deutlich, dass die formulierten Vorsätze nicht öffentlich diskutiert werden (auch wenn die Vorstellung in Klein- oder Lerngruppen die Verbindlichkeit  enorm steigert – im Setting meiner Zweitagesseminare passt das aber nicht).
    Zu diesem Aspekt des Privaten gehört auch, dass ich die Teilnehmer ermuntere darüber nachzudenken, ob eher die Büro-Adresse oder die private Anschrift die geeignete Empfängeradresse ist.

Natürlich darf man dann nicht vergessen die Briefe auch wirklich loszuschicken. Wenn man die Methode häufig einsetzt, dann verliert man unter Umständen den Überblick über die Umschlagstapel. Deshalb lasse ich meine Teilnehmer das Seminardatum auf den Umschlag schreiben.

Viel Erfolg bei der Umsetzung!

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Jan-Torsten Kohrs

Jan-Torsten Kohrs

Seit 1999 sammelt Jan-Torsten Kohrs Erfahrung in vielfältigen Weiterbildungsprojekten – in der Industrie, bei Banken und an Hochschulen. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten gehören Projekt-/Changemanagement und Soft Skills. Die besondere Leidenschaft gilt der Aus- und Weiterbildung von Trainern und der Workshop-Moderation.

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